Therapeia im Griechischen heißt ursprünglich `Heilkunde´oder einschränkender `Dienst´oder `Pflege´. Das deutsche Wort `tarnen´ im Sinne des Zudeckens weist eine eigentliche sprachliche Urverwandtschaft hierzu auf. Die Therapeia der Griechen entstammte ursprünglich einer ihr zugrundeliegenden `Theorie´, einer `geistigen Schau´ oder `Gottesschau´. Und wer in der Seele des Heilsuchenden geschaut wurde, war Asklepios oder Throphonios, der vergöttlichte Arzt.
Die `Pflege´, die der Heilsbereite vornahm, lag ganz in der heiligen Schau eines vergöttlichten Anblicks (als Bild des Asklepios oder Throphonios) der eigenen Seele. Der Körper des Heilsuchenden folgte der seelischen Heilserfahrung durch Genesung, die Seele bewies durch den Vorfall der Heilung physisch ihre metaphysische Macht. Die Heilung wiederum schloß die innere wie die äußere Heilung in sich ein. Das innere, seelische Urbild des Geheilten, was dessen körperliche Organe und seelische Verhältnisse betraf, war erneuert und in den Zustand seiner uranfänglichen Vollkommenheit gebracht. Eine mystische Einheitserfahrung trat in den unmittelbaren physio- und psychotherapeutischen Dienst. Die Wunden des Heilsuchenden hatten sich - von innen her - im Spiegel ihrer einstmaligen Unversehrtheit mit dem Anblick eben dieser heiligen Unversehrtheit bedeckt. Die Seele und der Körper des Geheiligten und somit Geheilten gaben nach außen hin Kunde der Heilung. Die Therapie, das heißt die göttliche Schau, hatte sich in ihren offensichtlichen Wirkungen vollendet. Seelische wie körperliche Heilkenntnis und mystische Erfahrung der Heilung erwiesen sich als eins. Der Heilende und der Heilsuchende hatten sich im Geheilten vereinigt, der `Unvollkommene´ (Patient, Kranke) hatte sich in seiner eigenen, sein eigenes krankes, unvollkommenes Ich übersteigenden Vollkommenheit erkannt.
(Auszug aus: Steff Steffan: Das erleuchtet Herz des Islam, Die Sufi-Mystik der Erkenntis und Liebe)