Artikel erschienen in: Medizinische Nachrichten
von Peter HIRSCH
Manche merken es selbst, andere brauchen den Anstoß vom Hausarzt oder Freunden: "Vielleicht könnte Ihnen (Dir) ein Psychotherapeut helfen?" Dieser Rat mag richtig sein. Aber die Betroffenen stehen nun vor einem neuen großen Problem.
Welche Therapie ist für mich, für mein seelisches Problem, die richtige? Wie finde ich den idealen Psychotherapeuten, die ideale Psychotherapeutin?
“Selbst wenn man nur die wichtigsten psychotherapeutischen Grundrichtungen betrachtet, zeigt sich eine verwirrende Vielfalt von Theorien und Methoden”, schreibt der deutsche Psychotherapeut Paul Hiß in seinem Buch “So finden Sie den richtigen Therapeuten” (campus-Verlag, 218 S). Bei den verschiedenen Therapiemethoden gebe es zwar bedeutsame Unterschiede, für die Wirksamkeit der Therapie aber spielen sie keine entscheidende Rolle. Hiß: “Der Patient kann mit jeder Therapieform eine persönliche Veränderung erreichen.”
Entscheidender als das “Wie” ist das “Wer”: Patient und Therapeut müssen zusammenpassen, nur dann kann in der Monate oder auch Jahre dauernden (und viel Geld kostenden) Beziehung ein Prozeß von Einsicht und Veränderung in Gang kommen.
Frau W. hat mit einer Psychotherapeutin ein Erstgespräch vereinbart. Je näher der Termin rückt, desto unruhiger wird sie. Werde ich mich gegenüber, einem fremden Menschen wirklich öffnen können, werden meine Probleme verstanden oder als irrelevant oder eingebildet abgetan? “Diese Zweifel und Ängste sind zu diesem Zeitpunkt nicht ungewöhnlich”, schreibt Paul Hiß. “Die Ungewißheit, die Menschen in dieser Phase erleben, erscheint ihnen manchmal schlimmer und unerträglicher als ihr meist schon seit Jahren anhaltendes Leiden.”
Beim Erstgespräch mit dem Therapeuten geht es darum, einander kennenzulernen. Hiß rät, vor diesem Erstgespräch eine “Frageliste” zu erarbeiten:
Warum will ich jetzt eine Therapie beginnen?
Welche Erwartungen habe ich und welche Befürchtungen?
Welche Berufserfahrung, welche Ausbildung hat der Therapeut, wie schätzt er meine Schwierigkeiten und meine Heilungschance ein?
Wie arbeitet der Therapeut grundsätzlich, wie gedenkt er in meinem Fall vorzugehen? Wann könnte die Behandlung beginnen, wie lange wird sie dauern, was wird sie kosten?
Ein solches Erstgespräch ist noch keine Therapiestunde, trotzdem hat es oft eine therapeutische Wirkung. Hiß: “Nachdem der erste schwierige Schritt getan ist, das Leid, das Sie viele Jahre mit sich herumgetragen haben, ausgesprochen und damit mit einem anderen Menschen geteilt ist, kommt es häufig zu einer spontanen Gefühlsentladung, oft in Form von Tränen. Dies bewirkt meist auch ein deutliches Gefühl der Erleichterung, und dieses Gefühl können Sie als Signal verstehen, daß schnell ein guter Kontakt zum Therapeuten entstanden ist.”.
Hiß rät: “Wenn Ihr Gefühl nach dem Erstkontakt mit einem Therapeuten nicht eindeutig positiv ist, dann nehmen Sie sich Zeit für eine Entscheidung. Oft ist es hilfreich, mit mehreren Therapeuten ein Erstgespräch zu führen, damit Sie vergleichen können.” Damit ein therapeutischer Prozeß zustande kommt, muß der Patient überzeugt sein von der Kompetenz des Therapeuten, und er muß sich “angenommen fühlen”, was ohne Sympathie kaum möglich ist.
Der nächste Schritt nach “gutem” Erstgespräch und Besprechung von Grundlegendem wie Häufigkeit und Dauer der Sitzungen, Honorar sowie voraussichtliche Therapiedauer: Es werden Probesitzungen vereinbart.
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Die Krise kommt oft vor dem Erfolg Schnelle Wunder können auch die besten Therapeuten nicht bewirken. Hiß. “Häufig fühlen sich Patienten nach ein paar Sitzungen schlechter und unsicherer als zuvor. Diese Krise ist aber kein schlechtes Zeichen.” Denn durch die Therapie muß ja zuerst einmal das “neurotische Gleichgewicht” zerstört werden, das sich die Patienten aufgebaut haben, um trotz ihrer seelischen Leiden so halbwegs leben zu können. Ein neues, gesundes seelisches Gleichgewicht, Ziel jeder Psychotherapie, hat sich aber noch nicht eingestellt. Die erwähnte Krise ist die logische Folge. |