Lehner, Heike & Reisel, Barbara (Wien)
Autoritätskonzepte lassen sich dem Bereich der sozialen Kognition zuordnen. Damon (1984) hat sich als erster ausführlich mit der Genese von Autoritätsvorstellungen befaßt. Er fand bei 49 Kindern sechs Autoritätsniveaus und stellte fest, daß Kinder mit zunehmendem Alter reifere Autoritätskonzepte erwerben. Autorität manifestiert sich stets in Beziehungen und wird stets in sozialen Interaktionen realisiert. Demnach haben die familiären Autoritätsstrukturen weitreichende Implikationen für die Art und Weise, in der das Kind Autoritätspersonen perzipiert und sich mit ihnen auseinandersetzt.
Mit der vorliegenden Untersuchung sollte der Frage nachgegangen werden, wie Kinder die elterliche Autorität konzeptualisieren, wieviel Legitimität sie ihr zuschreiben und in welchem Maß sie Gehorsam für notwendig erachten. Darüber hinaus sollte festgestellt werden, inwieweit kindliche Autoritätskonzepte mit dem elterlichen Erziehungsstil, Aspekten der kindlichen Persönlichkeit und der sozialen Intelligenz in Beziehung stehen. Die Stichprobe rekrutierte sich aus 60 Kindern im Alter von 9 bis 10 Jahren der vierten Schulstufe aus acht Schulen und deren Eltern.
Zur Erfassung der kindlichen Autoritätskonzepte wurde ein strukturiertes Interview konzipiert, das auf acht hypothetischen Dilemmata basiert. In jeweils vier dieser Geschichten steht die Mutter oder der Vater als Autoritätsperson und ein fiktives Kind, das als Identifikationsfigur dient im Mittelpunkt. Den Kindern wurden Fragen in bezug auf Legitimität und Gehorsam gestellt. Weiter kamen ein selbsterstellter Fragebogen zur Erfassung des elterlichen Erziehungsstils, sowie Dimensionen des PFK und Subtests des AID zur Anwendung.
Die Ergebnisse zeigen, daß Kinder die elterliche Autorität in sehr vielen Bereichen anerkennen und Gehorsam für absolut notwendig erachten. Die kindlichen Begründungen dafür wurden einer Inhaltsanalyse unterzogen, die ergab, daß sich die kindlichen Autoritätsvorstellungen zwei voneinander unabhängigen Dimensionen (r=.04) zuordnen lassen. Sowohl die Autoritäts- als auch die Handlungsorientierung setzen sich aus jeweils fünf Niveaus zusammen, die eine unterschiedlich reife Entwicklung repräsentieren. Die Entwicklung der Autoritäts- und Handlungsorientierungsreife läßt sich mittels Pfadanalyse erklären und zeigt, daß vor allem Dimensionen eines nicht förderlichen elterlichen Erziehungsstils (Mißachtung, Durchsetzung, Kontrolle) als negativer Einfluß und Aspekte der kindlichen Persönlichkeit (vor allem Selbstüberzeugung und aggressives Bedürfnis nach Ich-Durchsetzung), das Ausmaß des kindperzipierten Handlungsspielraums und die soziale Intelligenz als positiver Einfluß zum Tragen kommen. Ein reifes Autoritätskonzept, das sowohl die Wahrnehmung von reziproken Beziehungen als auch Autonomie ermöglicht, kann erworben werden, wenn in Familien partnerschaftliche Beziehungen auch gelebt werden.
Damon, W. (1984). Die soziale Welt des Kindes. Frankfurt: Suhrkamp.
Entnommen aus:
Leo Montada (1992), "Bericht über den 38. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Trier 1992", Band 1, Kurzfassungen, herausgegeben im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Psychologie Hogrefe - Verlag für PsychologieGöttingen - Bern - Toronto - Seattle