Hussein Abdul Fattah
Schnuppern, Schauen, Lauschen, Schmecken, Tasten - sie alle sind am 'Baum der Heimlichkeit' gereift. Die Wahrnehmungen bzw. die Sinne sind (zumal zu einer ihrer Hälften, zu ihrer besseren) am 'Baum der Heimlichkeit' gereift. Doch das Sprechen über unsere Sinne verdirbt unsere Wahrnehmungen und Sinne und erzeugt erst die schlechte Hälfte unserer Sinne, erzeugt die Schalheit ihrer Frucht.
Wahrnehmung ist nämlich Heimlichkeit, ist Ausdruck unserer Heimlichkeit. Ein jeder Geruch ist ein heimlicher Geruch. Mögen wir unsere Heimlichkeit, unsere heimliche Wahrnehmung, auch öffentlich entäußern, sie überfällt uns doch vor anderen verborgen. Die 'Ehe' mit den Sinnen vollzieht der Mensch in Heimlichkeit. Der 'Akt der Heimlichkeit' eröffnet unsere Sinnlichkeit, eröffnet unseren Sinn.
Das heißt, daß der, der schaut, die Heimlichkeit erschaut: die Verborgenheit der Sinne in der Seele. Der, der schmeckt, erschmeckt die Heimlichkeit. Der, der lauscht, erlauscht die Heimlichkeit. die Verborgenheit der Sinne in der Seele.
Allein in der Heimlichkeit wird unsere Unschuld bewahrt - die Unschuld als die gute Immanenz der Sinne. Was sagt die Fakultäten- Analyse dazu?
Sie besagt,
| ANONYMITÄT Die Welt der Bilder öffnet sich |
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| GEHEIMNIS(SE) Die Intellekte öffnen sich |
MYSTERIUM Die Transzendenzen öffnen sich |
SCHATZ Die Eigenschaften öffnen sich |
| HEIMLICHKEIT Die Wahrnehmung und Sinne öffnen sich |
Gleichermaßen wie die Wahrnehmung der Sinne der Heimlichkeit bedarf, um sich selbst als Anblick des Selbsts zu begreifen und zu erschließen, so bedürfen die Imaginationen (die bildhaften Erfahrungen) der Anonymität. Allein als anonymes Selbst - und nicht als Person oder 'Ich' - erschließen sich dem Menschen seine inneren Bilder. Sein 'Ich' begrenzt sein imaginieren. Sein Selbst - wie im Traum - erlöst das ans 'Ich' gebundene Bild.
Wie Wittgenstein es formulierte: “Das Subjekt” sprich: das Ich, “gehört nicht zur Welt. Es ist eine Grenze der Welt.” Das Ich bildet die Grenze der seelischen Welt. Im Sinne des oben Gesagten: die Grenze der bildhaften Welt. Je mehr 'Ich', desto weniger Welt. Je mehr ich freies Selbst, desto größer die Welt.
Die 'Erste Weit' ist die 'kleine', die Welt des 'ich'. Die 'Zweite' oder 'Große Welt' ist die Welt des Selbst.
Die 'Erste Welt' ist die 'Feuer-Welt': Es ist die Welt der Sinnlichkeit, der Leidenschaft, der Radikalität, Emphatik, Hölle. Sie ist das Äußere der Welt.
| LEIDENSCHAFT 'Heiße' Imaginationen |
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| RADIKALITÄT 'Heiße' Intellekte |
HÖLLE 'Heiße' Transzendenzen |
EMPHATIK 'Heiße' Logiken |
| SINNLICHKEIT 'Heiße' Wahrnehmungen |
Richten sich die Sinne überwiegend auf die äußere Welt, d.h. befinden sie sich im Zustand des Feuers, so nennen wir diesen Zustand Sinnlichkeit. Richten sich die Imaginationen überwiegend auf die äußere Welt, d.h. befinden sie sich im Zustand des Feuers, so nennen wir diesen Zustand Leidenschaft. Richten sich die Intellekte, Ideen überwiegend oder auch ausschließlich auf die äußere Welt, d.h. befinden sie sich im Zustand des Feuers, so nennen wir diesen Zustand Radikalität. Richten sich die Logiken / Eigenschaften überwiegend oder eher ausschließlich auf die äußere Welt, d.h. befinden sie sich im Zustand des Feuers, so nennen wir diesen Zustand Emphatik. Und: richten sich die Transzendenzen überwiegend oder ausschließlich auf die äußere Welt, d.h. befinden sie sich im Zustand des Feuers, so nennen wir diesen Zustand allgemein Erhitzung oder Hölle.
Der Mensch 'erleidet' die von ihm selbst in Brand gesetzte Äußere Welt. Er legt, beinahe pyromanisch, selbst die Feuer an alle brennbaren Stoffe der Welt. Er schürt mit Sinnlichkeit, mit Leidenschaft, mit Radikalität, Emphatiken die Feuer seiner eigenen Seele.
Nun sagte Aristoteles, in seiner Abhandlung über die Psychologie: "Die Seelenvermögen sind ... nicht in allen lebenden Wesen gleichmäßig vorhanden!' Auch die Feuer der fünf Fakultäten sind nicht in allen lebenden Wesen, sprich: Menschen in gleicher Weise und in gleichem Maße vorhanden. Aber auch die Substanzen oder Stoffe der fünf Fakultäten sind nicht in allen lebenden Wesen, sprich Menschen in gleicher Weise und gleichem Maße vorhanden.
Und das ist gut - erspart dieses doch das Verbrennen, und im Falle der brennenden Seele die 'Lösch-Aktionen' der Seele.
Ein 'Zuwenig' an Sinnlichkeit, an Leidenschaften, Radikalität, Emphatiken, Erhitzungen muß also keinen Nachteil in sich tragen. Im Gegenteil, das Wenige erspart die Last des Allzuvielen.
Denn erst, wenn alle Sinnlichkeit verbrennt, verbleibt als ihre 'Asche' die Schönheit. Und erst, wenn alle Leidenschaft verbrennt, verbleiben Einverständnisse der Seele. Und erst, wenn jede Radikalität erloschen, zerstäubt der Ort in Harmonie. Und erst, wenn die Emphatiken, sprich: die heißen Eigenschaften nicht mehr brennen, dringt tiefe Stille in den Geist. Und erst, wenn die Erhitzungen die 'Kühle Abrahams' gewinnen, wenn alle Transzendenz verbrennt, senkt sich der Frieden ins Gemüt.
Dies heißt: die reife Sinnlichkeit ist Schönheit. Die reife Leidenschaft ist Einverständnis, Einverstanden-Sein. Die reife Radikalität ist Harmonie. Emphatiken gereift sind nichts anderes als Stille. Und reife Hölle nichts als Frieden.
Und Schönheit, Einverstandensein, und Harmonie, und Stille, Frieden, gewähren Heimlichkeit, Anonymität, Geheimnisse, Schätze und Mysterien.
"Je reiner ein Mensch ist," so sagt uns Sören Kierkegaard, "desto näher kommt er auch im Verhältnis zu anderen Menschen dem, daß er ihnen nicht als Objekt sein kann."
Darum, so Epikur, "Lebe zurückgezogen! "
Schönheit, Einverständnis, Harmonie, Stille und Frieden ziehen uns in unsere Seele zurück. Heimlichkeiten, Anonymitäten, Geheimnisse, Schätze und Mysterien ziehen uns in unsere Seele zurück.
Schönheit, Einverständnis, Harmonie, Stille und Frieden erlösen unser Dasein als 'Objekt'. Und gleichermaßen Heimlichkeiten und Anonymitäten und Geheimnisse, Schätze und Mysterien erlösen unser Dasein als 'Objekt'.
An 'jenem Orte Nirgendwo', das heißt, in Heimlichkeit, ist der Mensch kraft Definition wegen fehlender örtlicher Bestimmung nicht mehr länger 'Objekt'.
Als 'Niemand' oder 'Irgendwer', d.h. in Anonymität, ist der Mensch desgleichen nicht länger 'Objekt'.
Und auch vermittels der verborgenen Beziehung, sprich: im Geheimnis der Seele, ist Niemand, Nirgendwo noch länger ein 'Objekt'.
Und auch, wer seine zeitenlose Eigenschaft(en) als Schatz vor anderen bewahrt, ist niemals mehr 'Objekt'.
Erst recht, wer eintaucht in das 'Nichts des Wesens', ins Mysterium, ist wegen fehlender existentieller Bestimmung für Niemanden und Nirgendwo, beziehungslos und bedeutungslos, nicht länger mehr 'Objekt'.
Ein jeder Intellekt ist ein Geheimnis. Intellekt bedeutet Deutung und Idee. Beziehungen, Verhältnisse, auch wenn sie öffentlich zutage treten, sind ein Geheimnis, solange es die Seele gibt.
Dies heißt, daß die Seele den Menschen mittels seiner Beziehungen und Verhältnisse in die Netze ihrer eigenen Geheimnisse verknüpft, daß sie den Menschen mittels seiner Deutungen und intelligiblen Ideen in die Netze ihrer eigenen Geheimnisse verknüpft. Und erst wenn der Mensch in diesem Geheimnis der Seele verborgen verbleibt, enthüllen sich ihm Wirklichkeit und Unwirklichkeit jener Deutungen und Ideen. Dann läßt er sich nicht länger von ihnen 'verknüpfen'. Das heißt, er erlöst die Seele von ihren Ideen.
Von Augustinus stammt das Wort: "0, Herr, mein Gott, wie tief der Abgrund des Geheimnisses von Dir."
Die Welt des Geistes öffnet sich in der verborgenen 'Zweiten Welt', der 'Großen Welt' als Schatz. Es ist der Schatz der Eigenschaften unseres Selbst. Die Eigenschaften sind ein Schatz. Die Güte und Milde sind ein Schatz. Erhabenheit, wie Majestät, sind Schätze. Die Weisheit, Stärke, Macht sind Schätze. Und Schönheit und Geduld sind je ein Schatz.
Die Welt, das Sein besteht aus Eigenschaften. Doch Eigenschaften sind Bewegung. Der Schatz dagegen ruht.
Dies bedeutet, daß der Geist den Menschen mittels seiner immanenten Eigenschaften in ständiger 'Bewegung' hält; d.h. sich selbst als 'Schöpfender' bewegt.
Erst wenn der Mensch in den Schätzen seines Geistes ruhend verbleibt, enthüllen sich ihm die Bewegungen und Bewegtheiten seines eigenen Geistes. Er weiß dann, 'wessen Geistes Kind' er wirklich ist.
Er ruht in seinen Eigenschaften.
Zu guter Letzt: das 'Alles oder Nichts des Wesens' als das Mysterium der Fakultäten. Die Welt des Wesens öffnet sich als ein Mysterium in der verborgenen 'Großen Welt'. Sie heißt 'Mysterium der Transzendenzen'.
Es sind: Die Freiheit, Recht, Gerechtigkeit. Die Wahrheit, Scham, der Schutz, Erkenntnis. Güte, Glück. Erleuchtung, Licht, Vollkommenheit. Versorgung, Bestimmung, Vollendung und Frieden. Der Dienst (am Selbst), die Macht und Liebe. Und schließlich: die Vereinigung.
Sie sind das Nichts, das Alles ist. Mysterium heißt 'Nichts in Allem'. Mysterium heißt 'Überfluß im Nichts'.
Es ist das 'Große Paradox' der 'Zweiten Welt'. Es ist das 'Große Paradox' des zweiten, des verborgenen, heimlichen, anonymen, geheimnisvollen, mysteriösen Lebens.